Neues aus dem Herrenberger Stadtarchiv

  • Dezember 2016

    Dezember 2016


    Gültsteiner Hebammen machten ihre Sache gut
    Beruf der Hebamme war im 18. Jahrhundert nur eine Nebentätigkeit

    Eine Hebamme auf dem Land war bis Ende des 18. Jahrhunderts selten hauptberuflich tätig. Die Dorfhebamme wurde von den verheirateten Frauen gewählt und nur schlecht bezahlt. Erst im 18. Jahrhundert versuchten die Landesherren, eine verbindliche Hebammenausbildung einzuführen. Das Stadtarchiv Herrenberg berichtet aus einem Tagebuch der Gültsteiner Hebammen.

    Vierzehn Jahre lang wurde das Tagebuch der beiden Gültsteiner Hebammen geführt, vom 1. Juli 1858 bis zum 17. September 1872. Maria Agnes Mayer und Frau Kapp, deren Vorname nicht genannt wird, verzeichneten hier fast 300 Geburten. Das Tagebuch ist in Vorbereitung auf das 1200. Ortsjubiläums von Gültstein, das 2019 gefeiert wird, aufgetaucht. Das Ortsarchiv, das gerade neu erschlossen wird, ist mit 80 Metern Umfang das zweitgrößte Teilortsarchiv Herrenbergs. Das Tagebuch der diensthabenden Gültsteiner Hebammen, Signatur OrtsA Gültstein B 281, ist ein vom Verleger Andreas Braun vorgedrucktes „Tage-Buch der vorgekommenen Geburten“ mit 16 Rubriken; darunter das Alter der Gebärenden, die Zahl der vorherigen Geburten, die Dauer der Geburt oder die Art der Hilfe bei der Entbindung. Am Ende erfolgte durch den jeweiligen Pfarrer die Beurkundung der Übereinstimmung des Hebammenbuchs mit dem Taufregister. Zudem unterschrieb der zuständige Herrenberger Oberamtsarzt oder, wie es damals hieß, „Oberamtsphysikat“ Welsch.

    Ältere Mütter keine Seltenheit

    Bei insgesamt 298 verzeichneten Geburten starben 19 Kinder bei oder vor der Geburt. Der größte Teil der Mütter war zwischen 20 und 40 Jahren alt, nur drei Frauen waren unter 20 Jahre alt, die jüngste Mutter war 17. Erstaunlich ist die relativ große Anzahl der Mütter über 40 Jahren: immerhin bei 42 der 298 Geburten. Die älteste Gültsteiner Mutter war Martha Bühler: Sie bekam am 15. Mai 1866 mit 48 Jahren ihr zehntes Kind, einen Knaben. Die 47-jährige Friederike Krauß brachte bei ihrer zwölften Geburt in acht Stunden ein lebendes Mädchen zur Welt.

    Wenn die Hebamme es nicht allein schaffte, zog sie noch einen Geburtshelfer, in Gültstein die Herren Grundler oder Klein, hinzu. In einem Fall – zumindest ist es so verzeichnet – kam es zu einer Steißgeburt (bei der das Kind umgekehrt liegt), das Kind war offenbar bereits vor der Geburt verstorben. In vier Fällen mussten Zwillinge entbunden werden, die offenbar auch alle lebend zur Welt kamen und nur in einem Fall nicht allein von der Hebamme, sondern mit Hilfe von Geburtshelfer Grundler geholt wurden. 29 Kinder kamen unreif, also als Frühchen, zur Welt, wovon die meisten auch überlebten. Zu Komplikationen kam es immer wieder, weil sich etwa die Nachgeburt nicht löste, was zu starken Blutungen führte. Am 17. Mai 1868 musste bei der 28-jährigen Maria Johanna Schanz wegen einer Schieflage des kindlichen Kopfes mit der Zange nachgeholfen werden, dennoch überlebten Mutter und Kind.

    Dramatische Geburt verläuft tödlich

    Eine sehr dramatische Geburt spielte sich am 14. September 1872 ab: Die 30-jährige Heinrike Hahn brachte ihr viertes Kind zur Welt. Nach einer halben Stunde Wehen rief man die Gemeindehebamme Kapp, nach 18 Stunden Geburtshelfer Grundler. Das Kind, ein reifer Knabe, lag falsch, außerdem gab es offensichtlich Probleme mit der Lage der Plazenta, weshalb man versuchte, das Kind „mit künstlicher Hilfe“ auf die Füße zu wenden. Dies scheint aber misslungen zu sein. Eine daraufhin einsetzende starke Blutung führte zu Ohnmacht und großer Schwäche der Mutter, der man mit Zinntinktur und Hoffmannstropfen – fachsprachlich Spiritus aethereus, bestehend aus Ethanol- und Diethylether – entgegenzuwirken suchte. Dennoch verstarb Heinrike Hahn – als einzige Mutter im vorliegenden Aufzeichnungszeitraum – eine halbe Stunde nach der Geburt, und auch ihr Sohn starb offenbar noch im Mutterleib. In vielen Fällen glückte aber auch eine Wendung des Kindes, die zum Beispiel wegen einer vorliegenden Nabelschnur oder Querlage nötig geworden war – die Gültsteiner Dorfhebammen machten ihre Sache also durchaus gut.

    Hebamme war nur Nebentätigkeit
    Wie sah die Hebammenausbildung im 19. Jahrhundert überhaupt aus? Im Gegensatz zu den Städten, in denen verstärkt ab dem 16. Jahrhundert ein geregelter Hebammenunterricht einsetzte, wurde das Hebammenwesen auf dem Land bis zum Ende des 18. Jahrhunderts aufgrund der schlechten Bezahlung und der Tatsache, dass die Tätigkeit als so etwas wie Nachbarschaftshilfe galt und die Dorfhebamme von den verheirateten Frauen gewählt wurde, eher als Nebentätigkeit angesehen. Oft führte die Hebamme auf dem Dorf auch noch den Haushalt der Wöchnerin und kümmerte sich intensiv um Säugling und Mutter.

    Erst im 18. Jahrhundert versuchten die Landesherren, eine Hebammenausbildung verbindlich einzuführen. So enthält die erste württembergische Medizinalordnung „Des Herzogtums Wirtemberg wiederholt erneuerte Apotheken-Ordnung und Tax“ von 1720 auch Vorschriften für den Hebammenberuf. Eine schulmäßige Ausbildung gab es erstmals zwischen 1787 und 1793 auf der Hohen Karlsschule. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde die Führung von Hebammentagebüchern festgelegt. Verschiedene Hebammenschulen, in Stuttgart angegliedert an das Katharinenhospital und in Tübingen angeschlossen an die dortige Klinik, wurden eröffnet.

    Landeshebammenschule eingerichtet
    1837 setzte in Württemberg der staatlich geregelte Hebammenunterricht ein. Die Prüfungen wurden nach einem dreimonatigen Kurs in Stuttgart oder Tübingen von einem Mitglied des Medizinalkollegiums bzw. der medizinischen Fakultät abgenommen. Seit 1847 fand die Ausbildung mit vier jährlichen Kursen nur noch in Stuttgart statt, 1863 wurde per Statut die Landeshebammenschule in Stuttgart errichtet. Voraussetzung für eine Aufnahme war das Bestehen einer Vorprüfung. Nach der Ausbildung sollten alle drei Jahre Repetitionskurse besucht werden, bei denen auch die mitgebrachten Tagebücher, Gerätschaften etc. überprüft wurden.

    Auch die beiden Gültsteiner Hebammen Mayer und Kapp dürften demnach an der Stuttgarter Hebammenschule ausgebildet worden sein, was aber bisher nicht belegbar ist. Ihre offensichtliche Kompetenz zeigt sich an der großen Anzahl schwieriger Geburten und der Tatsache, dass es ihnen außer in einem Fall immer gelang, das Leben der Mütter zu retten.

  • Januar 2016

    Januar 2016

    Hermann Ehmann: Abbildung aus dem ‚Zentralblatt der Bauverwaltung‘ vom 16. Dezember 1905

    „Dank über die meisterhafte Ausführung der Wasserleitung“
    Baurat Hermann Ehmann wurde 1894 Ehrenbürger von Kayh

    Eine zentrale Rolle bei der Errichtung der Wasserversorgung in Kayh spielte Baurat Hermann Ehmann. Für seine Verdienste verlieh ihm die damals selbstständige Gemeinde im Jahr 1894 das Ehrenbürgerrecht. Bei Ordnungsarbeiten im Stadtarchiv wurde vor kurzem die Ehrenbürgerurkunde aufgefunden – Anlass, die Persönlichkeit Ehmanns und sein Wirken in Kayh vorzustellen.  

    Ein Kurzporträt über Hermann Ehmann mit den wichtigsten Lebensdaten findet sich im ‚Zentralblatt der Bauverwaltung‘ vom 16. Dezember 1905. Er wurde am 10. Juni 1844 in Möckmühl im württembergischen Oberamt Neckarsulm geboren. Von 1861 bis 1866 studierte er Ingenieurwesen an der Polytechnischen Schule in Stuttgart, einem Vorläufer der heutigen Universität. Wenig später trat er in die staatliche Wasserbauverwaltung, ebenfalls in Stuttgart, ein, an deren Spitze sein älterer Verwandter Karl Ehmann stand. Dort brachte er es bis zum Staatstechniker für das öffentliche Wasserversorgungswesen.

    Einen Namen machte sich Hermann Ehmann vor allem beim Bau der Wasserversorgung auf der Schwäbischen Alb, im Nordschwarzwald und auf den Fildern nahe Stuttgart. Von „weiteren größeren und kleineren Aufgaben der Wasserversorgung, die v. Ehmann selbst auszuführen hatte oder zu denen sein bewährter Rat eingeholt wurde“, ist in der erwähnten Biografie die Rede. Dazu kann seine Tätigkeit in Kayh gerechnet werden.   

    Quelle von Altinger Mühle     
    Das Dorf am südlichen Hang des Schönbuchs hatte schon immer unter Wassermangel zu leiden gehabt. Die wenigen vorhandenen Quellen waren gipshaltig und kaum ergiebig.  Wiederholt hatte sich die Gemeinde vergeblich um Abhilfe bemüht. Der Kontakt zu Hermann Ehmann kam zustande über den Herrenberger Oberamtmann Theodor Völter. Baurat Ehmann nahm vor Ort eine Bestandsaufnahme vor und fand die Lösung des Problems. In der ‚Beilage zum Gäuboten‘ vom 24. Dezember 1892 heißt es: „Er schlug vor, eine Quelle in nächster Nähe der Altinger Mühle zu fassen und sie [nach Kayh] hinaufzuleiten.“ Zur Umsetzung des Projekts musste allerdings noch eine Quelle bei Tailfingen erworben werden, „da bezweifelt wurde, ob die erste in allen Zeiten die Gemeinde vollständig versorge“.

    Wasserversorgung in Kayh
    Die Bauarbeiten an der Kayher Wasserversorgung begannen im Mai 1892 und gingen zügig voran. Bereits im November konnte der Betrieb aufgenommen werden, was laut ‚Gäubote‘ „Viele kaum zu hoffen wagten und was vor verhältnismäßig kurzer Zeit selbst Technikern unmöglich schien“. Die Kosten beliefen sich auf rund 48.000 Mark. Der württembergische Staat und das Oberamt Herrenberg steuerten einen bedeutenden Teil bei. Bemerkenswert ist, dass die Summe nur unwesentlich über dem von Baurat Ehmann im Januar 1892 ausgerechneten Betrag in Höhe von 45.900 Mark lag.

    Ehrungen für Ehmann
    Hermann Ehmann hatte sich „durch die Sicherheit, mit der die versprochenen Leistungen der gebauten Werke zutrafen, und durch die Zuverlässigkeit seiner Kostenvoranschläge, die er stets einhielt, allgemeinstes Vertrauen erworben“, charakterisiert das genannte ‚Zentralblatt der Bauverwaltung‘ seine Arbeitsweise und die Resonanz darauf. Die Gemeinde Kayh zeigte ihm ihren „innigsten Dank über die meisterhafte Ausführung der Wasserleitung“, indem sie ihn am 17. Mai 1894 zum Ehrenbürger ernannte. In den darauffolgenden Jahren wurden ihm weitere Ehrungen zuteil. Unter anderem wurde er zum Oberbaurat befördert und in den Personaladel erhoben. Am 7. Dezember 1905 starb der Wasserbauingenieur im Alter von 61 Jahren an den Folgen eines Herzschlags. Dass er in Kayh nicht vergessen wurde, davon zeugt ein Aufsatz über die Wasserversorgung im Ortsbuch, das 1990 aus Anlass der 800-Jahr-Feier erschien.

  • November 2015

    November 2015

    Titelseite der Selbstbiographie Christian Friedrich Krayls. Sie stammen von Hansjörg Hägele, Gauting, der auch die Transkription angefertigt hat.

    Ein Herrenberger in den Napoleonischen Kriegen
    Die „Lebens Geschichte“ des Christian Friedrich Krayl

    Am 18. Juni 1815 wurden die Truppen des französischen Kaisers Napoleon in der Schlacht bei Waterloo im heutigen Belgien besiegt. Sie markiert das Ende der kriegerischen Epoche infolge der Französischen Revolution. Die Auswirkungen der Revolutions- und Napoleonischen Kriege waren auch in Herrenberg zu spüren. Ortsansässige Männer im wehrfähigen Alter wurden als Soldaten eingezogen. Einer von ihnen war Christian Friedrich Krayl. Seine Kriegserlebnisse, die er in autobiographischen Aufzeichnungen festhielt, stehen im Fokus dieses Beitrags.

    Christian Friedrich Krayl wurde im November 1790 in Herrenberg geboren. Zwischen 1804 und 1807 erlernte er das Glaserhandwerk. Eine längere Wanderschaft bald nach Ende der Ausbildung führte ihn unter anderem in die Schweiz. Im Jahr 1820 heiratete er. Krayls 188 Seiten umfassende „Lebens Geschichte“ entstand vermutlich vor der Eheschließung. Darin beschreibt er in fünf Abschnitten die „wichtigsten Vorfälle“ der ersten 30 Lebensjahre.

    Den Schwerpunkt der Darstellung bildet seine Teilnahme an den Feldzügen von 1813 bis 1815. Sehr differenziert geht er nicht nur auf das Kriegsgeschehen und dessen Hintergründe ein, sondern auch auf das soldatische Alltagsleben. Immer wieder stellt er dabei den Bezug zu Gott her, dem „ich mein Daseyn u. mein Leben […] zu verdanken habe“. Die detaillierten Angaben lassen den Schluss zu, dass ihm tagebuchähnliche Notizen als Grundlage für das Schreiben dienten. Das Original befindet sich in Familienbesitz. Dem Stadtarchiv liegt eine Transkription vor.

    Frühjahrs- und Herbstfeldzug 1813
    Württemberg wurde 1806 zum Königreich erhoben. Der Preis für diese Rangerhöhung bestand in der Beteiligung an Napoleons Kriegen im Rahmen des Rheinbunds. Besonders haften im kollektiven Gedächtnis der Bewohner des Landes blieb der katastrophale Ausgang des Russlandfeldzugs von 1812. Das württembergische Truppenkontingent, das zu Beginn knapp 16.000 Mann gezählt hatte, wurde fast vollständig aufgerieben.

    Zur Fortsetzung des Krieges ließ König Friedrich I. von Württemberg schon Anfang 1813 ein neues Korps aufstellen. Im Februar wurde Christian Friedrich Krayl einberufen. Er schreibt: „Der Abschied war besonders deswegen erleichtert, weil zu gleicher Zeit Karl Berg, Gottl. Klenk, Christ. Gag [Gack] u. Marquart mit mir ausgehoben wurden u. wir uns demnach miteinander von Hauß entfernten.“ Krayl kam zum Infanterieregiment Nr. 9, Jäger König, das in Rottenburg am Neckar lag. Von dort aus erfolgte nach einer mehrwöchigen militärischen Ausbildung der Ausmarsch Richtung Kriegsschauplatz.

    Zum ersten Mal mit der Grausamkeit des Krieges konfrontiert wurde Krayl im Umfeld der Schlacht bei Großgörschen (heute Sachsen-Anhalt) am 2. Mai 1813, in der Napoleons Armee die verbündeten preußisch-russischen Truppen bezwang. In seiner „Lebens Geschichte“ führt der Herrenberger aus: „Und wie soll ich meine Empfindung beschreiben, die ich fühlte, als ich wirklich das Schlachtfeld betretten hatte. […] Die Früchte [des Feldes] waren gänzlich in den Grund geritten u. geführt, mit Staub bedekt u. mit Menschenblut gefärbet. Unser Weg führte uns neben u. über die verstümmelten Krieger hin, die theils schon verschieden waren, theils noch sehnlich um Hülfe baten“.

    Verdienstmedaille in Silber
    In der Schlacht bei Bautzen (Sachsen) am 21. Mai 1813 erlitt das württembergische Korps bedeutende Verluste. Christian Friedrich Krayl erhielt später für „Tapferkeit und Treue“ die württembergische Militärverdienstmedaille in Silber. Nach einem etwa zehnwöchigen Waffenstillstand begannen die Kampfhandlungen für ihn in der Umgebung von Berlin wieder. Am 4. September, dieses Datum prägte sich ihm offenbar ein, wurde er bei der Festung Wittenberg an der Elbe durch zwei Musketenschüsse verwundet. Kurz darauf, in der Schlacht bei Dennewitz (heute Brandenburg), verlor das württembergische Kontingent mit rund 2.300 Soldaten mehr als ein Drittel seiner Stärke. Viele Verletzte wurden zunächst nach Leipzig gebracht, auch Krayl. Wie er berichtet, war die Stadt „schon mit 30.000 Blessierte u. Kranke angefüllt […], so daß wir drey Tage u. drey Nächte auf der gepflästerten Strasse liegen mussten“. An der dortigen „Völkerschlacht“ Mitte Oktober, die mit einer Niederlage der napoleonischen Truppen endete, musste er allerdings nicht mehr teilnehmen.  
         
    Winterfeldzug 1814 und Sommerfeldzug 1815
    Infolge der Leipziger Entscheidungsschlacht trat Württemberg aus dem Rheinbund aus und schloss sich den Verbündeten Österreich, Preußen und Russland an. Zum Kampf gegen Napoleon stellte König Friedrich erneut ein Kontingent bereit. Anfang 1814 rückte es im Verband der österreichischen Armee in Frankreich ein und tat sich in verschiedenen Kämpfen hervor.
    Unter den Soldaten befand sich Christian Friedrich Krayl. In Montereau wurde er gefangen genommen. Dabei erhielt er „einen Sabelhieb auf die rechte Schulter u. wurde meines noch von Hauß mitgebrachten Geldes u. der im Tornister [Rucksack] befindlichen Kleidungsstüke beraubt“. Aufgrund des Sieges der Verbündeten bei Paris am 31. März 1814 dauerte seine Gefangenschaft aber nur wenige Wochen. Am 2. Juli war er zu Hause in Herrenberg, „worin man mich schon längst nicht mehr unter die Zahl der Lebendigen rechnete“.  

    Gefecht bei Straßburg
    Nach Napoleons Rückkehr an die Macht im März 1815 mobilisierte König Friedrich nochmals rund 24.000 Soldaten, die der österreichischen Armee angegliedert wurden. So musste Krayl seine Heimatstadt Mitte April schon wieder verlassen. In der Garnison Ravensburg wurde er zum Unteroffizier ernannt. Danach „marschierten wir aus der Garnison über Urach, Waldenbuch u. Pforzheim an den Rhein, denn Frankreichs Gränze war der Versammlungs Ort für die verbündete Armee“. Das einzige Gefecht, an dem er in diesem Feldzug teilnahm, fand am 28. Juni, zehn Tage nach der Schlacht bei Waterloo, in der Nähe von Straßburg statt. Mit der Ankunft in der Garnison Heilbronn am 25. November endeten für Krayl die Napoleonischen Kriege.

    Einzelheiten aus seinem späteren Leben gehen hervor aus „Inventarium und Verlassenschaftstheilung“ vom 15. Februar 1854. Er war verheiratet mit Maria Magdalena Koch und übte das Amt des Stadtpflegers aus. Bei seinem Tod im November 1853 hinterließ er zwei Töchter und zwei Söhne, darunter Gottlieb Friedrich Krayl, Verwaltungsaktuar in Herrenberg.

  • Dezember 2014

    Dezember 2014

    Zu den Aufgaben eines Stadtarchivs gehört in erster Linie die Bewertung und Übernahme, Sicherung und Erschließung der amtlichen Unterlagen der städtischen Ämter und Eigenbetriebe – für diese ist ein Stadtarchiv zuständig. Das Leben in einer Stadt wie Herrenberg wird aber nicht nur durch Politik und Verwaltung, sondern natürlich in besonderem Maße auch von den Bürgerinnen und Bürgern, den Vereinigungen, Einrichtungen und Verbänden geprägt. Um auch deren Beitrag zum städtischen Leben angemessen zu dokumentieren und ein möglichst umfassendes Abbild von der Lebenswelt in Herrenberg für die Nachwelt zu erhalten, ist das Stadtarchiv an der Übernahme von Unterlagen aus diesem Bereich der sogenannten Ergänzungsüberlieferung interessiert. Oft ist nämlich gerade sie es, die einen wertvollen Beitrag zur Erforschung der städtischen Geschichte leistet, wenn die amtliche Überlieferung ausfällt oder nur spärlich vorhanden ist. 

    So konnten im vergangenen Jahr zum Beispiel Nachlässe der ersten Herrenberger Gemeinderätinnen Lina Link und Luise Schöffel gebildet werden, da die Familien wertvolle Unterlagen zum Wirken der beiden Frauen im Herrenberg der 1950er, 1960er und 1970er Jahre sowie darüber hinaus überließen. Im Fall Lina Links wird vor allem ihr großes ehrenamtliches Engagement als Gründungsmitglied der Herrenberger Ortsgruppe des Sozialverbands VdK dokumentiert. Die als Depositum übergebenen Unterlagen und Fotos aus dem Besitz der Familie Luise Schöffels belegen dagegen – und dies in erstaunlich dichter Folge, vom Volksschulzeugnis bis zum letzten Personalausweis – fast den gesamten Lebenslauf dieser engagierten Frau, auf deren Initiative am 8. Juli 1967 im Café auf der Höh‘ der Verband der ledigen Mütter gegründet wurde.

    Die Bedeutung dieser Ergänzungsüberlieferung zeigt sich besonders auch in diesen Tagen, da sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal jährt: Das Stadtarchiv Herrenberg erhielt nämlich neben Feldpostbriefen und -karten jüngst auch ein – wenn auch leider etwas beschädigtes – Foto vom Marktplatz mit den aus dem Krieg zurückgekehrten Herrenberger Soldaten, die dort zusammen mit ihren Angehörigen vor dem mit Fahnen und Kränzen geschmückten Rathaus zu sehen sind – ein einmaliges Zeitdokument!

    Bereits 1998 fanden in einer kleinen Schenkung auch das Soldbuch und der Militärpass des gelernten Konditors und nun im Ersten Weltkrieg als Musketier bzw. Schütze eingesetzten Gottlieb Joos seinen Weg in das Stadtarchiv Herrenberg. Joos wurde im Januar 1898 geboren und hatte seinen Dienst am 4. Januar 1917 angetreten, am 3. Februar 1917 wurde er vereidigt. Dem im Mai 1917 ausgefertigten Militärpass ist unter anderem seine Stiefellänge und die Größe der ausgegebenen Gasmaske zu entnehmen, ebenso die ihm zugeteilten Kleidungsstücke, ein Waffenrock mit Bluse, eine Hose, zwei Paar Socken, zwei Unterhosen, zwei Paar Handschuhe, eine Mütze, ein Mantel, zwei Hemden und ein Paar Stiefel. Im Januar 1919 wurde Joos, der glücklicherweise weder verwundet noch erkrankt war, aus dem Dienst entlassen; er erhielt 3 Mark Marsch- und 50 Mark Entlassgeld. Aus dem Soldbuch lassen sich neben auch die Orden und Ehrenzeichen ersehen, die Joos für seinen Dienst erhalten hatte.

    Ein sehr kleiner, aber durchaus erwähnenswerter Bestand dokumentiert sodann das Herrenberger Vereinsleben: Der Herrenberger Verein „Kasino“ war ein Verein zur „Förderung der Geselligkeit“ (vgl. die Satzung des Kasinos Herrenberg, 1903, S. 1). Zu diesem Zweck fanden im Winter alle vier Wochen sogenannte Familienabende statt. Aufnahmeberechtigt waren „unbescholtene“ Männer ab 18 Jahren und selbständig lebende Frauen und Fräulein. Für die Mitgliedschaft war vierteljährlich ein Beitrag von insgesamt 12 Mark im Jahr zu entrichten. Organe des „Kasino“ waren der aus sieben Mitgliedern bestehende Ausschuss und die Hauptversammlung. Die letzten Vorstandswahlen fanden 1908 statt, 1911/12 löste sich der Verein endgültig auf. Dazu konnte es laut Vereinssatzung entweder bei einer Mitgliederzahl von weniger als zehn Personen oder auf Beschluss von mindestens zwei Dritteln der Mitglieder kommen. Die Mitgliederbefragung zum Zwecke der Auflösung führte der Stadtschultheiß Hauser als stellvertretender Vereinsvorsitzender durch.
    Auch der Sozialverband VdK,  gegründet als „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands“, übergab dem Stadtarchiv Herrenberg 2014 wertvolle Unterlagen aus seinen Anfangsjahren, vor allem die ersten beiden Protokollbücher sowie Mitgliederlisten und Fotoalben, die das ehrenamtliche Engagement in der 1947 im Hotel Post gegründeten Ortsgruppe eindrucksvoll dokumentieren. 

    Ein besonders schöner und reichhaltiger Bestand ist schließlich das Familienarchiv Krauß, das in zwei Kartons bereits 1994 ins Stadtarchiv Herrenberg kam. Es enthält u.a. Pläne für den Bau der heute noch bestehenden Villa Krauß in der Hildrizhauser Straße. Die Familie Krauß war eine wohlhabende Kaufmannsfamilie; ihre Villa war zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch den Stuttgarter Architekten Wilhelm Mack für Carl Gottlieb Krauß geplant worden. Mack zeichnete auch für einige Stuttgarter Villen und die Brauereigaststätte zum Felsenkeller in Stuttgart-Bad Cannstatt verantwortlich. Zudem enthält der Bestand, der dem Stadtarchiv von Gertrud Krauß, zwischen 1958 und 1974 Leiterin der Haushaltungs- und Frauenarbeitsschule Herrenberg, übergeben wurde, zahlreiche Rechnungen aus der Zeit um die Jahrhundertwende, drei Fotoalben, Briefe u.a. aus den 1940er Jahren oder auch einen kleinen Taschenkalender, der Julius Stöffler gehörte und in dem dieser unter dem Tagesdatum jeweils mit Angabe des Jahres persönliche, aber auch politisch wichtige Ereignisse eintrug. Schön ist zudem die reich verzierte Menükarte zur Hochzeit von Traugott Krauß, dem Vater von Gertrud Krauß, mit Maria Finckh im Jahr 1906.

    Aus Nachlässen, aus Vereinsschriftgut und aus Sammlungen lassen sich also wertvolle Informationen gewinnen, die vor allem das gesellschaftliche und persönliche Leben der Herrenberger Bürgerinnen und Bürger sowie teils auch ihrer Gebäude illustrieren. Sie sind somit ein unverzichtbarer Bestandteil der städtischen Überlieferung. Deshalb freuen wir uns, wenn Privatpersonen, aber auch Vereine und Einrichtungen an uns herantreten, um uns für die Geschichte Herrenbergs interessante Unterlagen zu übergeben. Im Stadtarchiv werden sie erschlossen, sachgerecht und säurefrei in Archivmappen und -boxen verpackt sowie unter den für die Archivierung von Unterlagen idealen Bedingungen (18 °C +/- 2 °C und 45 % rF +/-5 %) gelagert.
    Dementsprechend möchten wir auch Sie darum bitten, sich gegebenenfalls an das Stadtarchiv zu wenden, bevor Sie bei Aufräum- oder Entrümpelungsaktionen aufgefundene Fotos, Briefe, Tagebücher oder auch dreidimensionale Objekte „entsorgen“.

  • September 2014

    September 2014

    Rückkehr von Regimentern von der Westfront 1918

    Vor 100 Jahren in Herrenberg: Die ersten Monate des Ersten Weltkriegs im Spiegel der Berichterstattung des Gäu- und Ammertalboten
    Ab dem 2. August, dem ersten Mobilmachungstag, füllte der Krieg vollends die Seiten und zunehmend den Anzeigenteil des Gäuboten. Abgesehen von der fast tagesaktuellen Kriegsberichterstattung publizierte man amtliche Bekanntmachungen wie zum Beispiel das Verbot der Weitergabe von Informationen über die Mobilmachung, den Transport von Truppen oder Ähnlichem, druckte Feldpostbriefe und -tagebücher ab, dazu Kriegspropaganda unterschiedlichster Art, außerdem zahlreiche Anzeigen mit kriegsspezifischem Inhalt, darunter auch immer mehr Todesanzeigen für gefallene Soldaten.

    Als ein Beispiel für amtliche Aufrufe seien etwa die Ausfuhrverbote für kriegswichtige Produkte, an erster Stelle Arznei- und Verbandsmittel, dann Tiere und tierische Produkte, schließlich Waffen, Munition, Pulver und Sprengstoff, genannt, die noch vor Kriegsbeginn, am 31. Juli, durch Staatsminister Clemens Gottlieb Delbrück erlassen worden waren. Auch der zentrale Musterungs- und Aushebungstermin im Herrenberger Rathaus am 25. August wurde auf der ersten Seite des Gäuboten bekanntgegeben. Dabei hatten die Militärdienstpflichtigen der Jahrgänge 1893, 1894 und Ältere ab 7 Uhr morgens „rein gewaschen und mit frischem Leibweißzeug versehen“ zu erscheinen, „insbesondere haben diejenigen, welche an Schwerhörigkeit zu leiden behaupten, das Innere des Ohres gründlich zu reinigen, damit eine Untersuchung des Ohres ohne weiteres vorgenommen werden kann“. Bei nicht sofort feststellbaren Krankheiten wie etwa Nervenleiden, Epilepsie oder Gelenkrheumatismus waren Zeugnisse der behandelnden Ärzte, bei Epilepsie sogar eines Amtsarztes, und zusätzlich drei Zeugen beizubringen. Man versuchte also offenbar bereits zu diesem frühen Zeitpunkt, der Einberufung zu entgehen – die Kriegsbegeisterung war demnach nicht so groß, dass man sich allgemein mit fliegenden Fahnen freiwillig gemeldet hätte.

    Die ärztliche Versorgung des Bezirks Herrenberg wurde am 6. und 7. August für die Dauer der Abwesenheit der eingezogenen Ärzte durch das Oberamt neu organisiert: Von nun an fuhr Oberamtsarzt Dr. Eugen Lechler, der Vater des späteren NS-Kreisleiters Dr. Karl Ludwig Lechler, regelmäßig in die Ortschaften des Oberamts, etwa montags und donnerstags nach Haslach, Kuppingen, Affstätt und Oberjesingen, um die dort angemeldeten Kranken zu visitieren. Bei nächtlichen Krankenbesuchen musste er dabei an seinem Auto eine kleine weiße Flagge mit rotem Kreuz hissen, um nicht von den Wachmannschaften angegriffen zu werden.
    Doch selbst im Anzeigenteil des Gäuboten spiegelte sich der Krieg unübersehbar wider. Dabei wird vor allem deutlich, wie schnell man sich auf die neue Situation eingestellt hatte und den Markt mit entsprechenden Kriegsprodukten bediente.
    So wurden in zunehmendem Maße spezielle Kriegswaren für Soldaten angeboten, etwa Schokolade, Zigarren und Zigaretten, die zum Versand in 250-Gramm-Briefen geeignet waren (28. August), oder bereits fertig gepackte Feldpostpakete (3. September), die u.a. Unterhosen, Socken und Hosenträger enthielten. Albert Zinser bot in einer Anzeige sogar Feldpostbriefe in unterschiedlichen Zusammenstellungen an, beispielsweise mit einem Trikothemd oder selbstgestrickten Socken, nur mit zwei Rippen Schokolade und zwei Rollen Pfefferminz oder mit Schokolade, Zigarren und Pfefferminz. Besonders kurios sind auch die „Wurstbriefe“ des Metzgers Fritz Wörn, der für eine Verschickung seiner heimischen Dauerwurstwaren an die Soldaten im Feld warb.

    Herrenberger Geschäftsleute, wie zum Beispiel am 6. August der Kaufmann und spätere Herrenberger Bürgermeister Wilhelm Niethammer, gaben im Anzeigenteil zudem bekannt, wie es im Falle einer Einberufung mit ihren Geschäften weitergehen sollte: Das Manufaktur- und Aussteuerwarengeschäft Niethammer werde von seiner Ehefrau in vollem Umfang und bewährter Manier weitergeführt, womit er die Bitte verband, „das meinem Geschäft geschenkte Wohlwollen auch über diese schwere Zeit weiterbewahren zu wollen“.
    Bereits am 13. August rief der Herrenberger Ortsausschuss des Roten Kreuzes zur Unterstützung der Soldaten und ihrer Familien auf und kündigte eine diesbezügliche Haussammlung an. Aber auch Naturalien, etwa Geschirr für die im Präzeptoratsgebäude einzurichtende Küche oder für allgemein unterstützungsbedürftige Familien sowie in Form von Tabak, warmen Socken oder Unterwäsche für die Truppen im Feld, waren willkommen.
    Der Herrenberger Rechtsanwalt Baur wiederum erklärte sich qua Anzeige bereit, in den Krieg eingezogene Soldaten und deren Familien unentgeltlich bei der Regelung ihrer familien- und vermögensrechtlichen Angelegenheiten zu unterstützen, besonders bei der Aufsetzung von Testamenten.

    Erwähnenswert ist zudem eine Anzeige des Kriegervereins Herrenberg vom 11. August, der im Nebenzimmer des Gasthofs Stern die Einrichtung eines „Nachrichtenbureaus“ „im Interesse seiner einberufenen Kameraden und deren Angehörigen“ ankündigte. Dort sollten verschiedene Zeitungen, Extrablätter, Telegramme und Feldpostkarten ausgelegt werden, „um mit den neuesten Ereignissen auf dem Laufenden zu bleiben“. Angehörige wurden deshalb gebeten, auch ihre neuen Postkarten und Briefe für einige Tage zur allgemeinen Kenntnisnahme auszulegen.
    Ab Mitte September schließlich warb die Vorschussbank Herrenberg auch für die Zeichnung von Kriegsanleihen, die im Deutschen Reich etwa 60 Prozent der Kriegskosten deckten und so manchen Bauern oder Gastwirt, der seine mühsam erarbeiteten Goldmark in Kriegsanleihen angelegt hatte, nachher mit leeren Händen dastehen ließ.
    Mit zunehmender Dauer des Krieges wurden Kriegstagebücher und Feldpostbriefe abgedruckt, „um den starken und tüchtigen Geist, der unsere Truppen im Felde beherrscht“, zu zeigen. So veröffentlichte man etwa am 29. August einen Brief des Postsekretärs Robert Reutter, der in Holzheim im Elsass stationiert war und am 23./24. August ein sehr positives Bild seiner augenblicklichen Situation gezeichnet hatte: „Der Dienst hier ist nicht überanstrengend und unterscheidet sich zur Zeit wenig vom Friedensdienst. Wir haben hier keine Aussicht an den Feind zu kommen. Unser Regiment ist deshalb seit einigen Tagen für immobil erklärt worden. […] Bei mir ist für Abwechslung im Soldatenleben reichlich gesorgt.“
    Zudem tauchten kriegspropagandistische Kommentare wie „Der Kampf um das Deutschtum“ (12. August) auf, die in ihrer Rhetorik mit Parolen wie „Der Kampf, durch den das Deutschtum vernichtet werden soll, ist entbrannt“ bereits nationalsozialistisches Gedankengut anklingen lassen. Auch propagandistische Gedichte und Geschichten wurden regelmäßig publiziert, so am 13. August „Ernte im Krieg“ des lokalen Dichters G. H. Kläger, der beispielsweise schon 1904 im Gäuboten einen Nachruf auf den verstorbenen Stadtschreiber Christian Krayl verfasst hatte. Aus diesem Gedicht lässt sich die anfänglich durchaus verbreitete Kriegsbegeisterung ebenso herauslesen wie die hier unterstellte Alternativlosigkeit eines deutschen Eintritts in den Ersten Weltkrieg: „halb Europa steht in Waffen, uns zu schlagen und zu knechten, reiche Ernte aber sprießet einst aus deutschem Heldenblute, darum stehn wir auf dem Felde hier und dort mit tapfrem Mute.“
    Aus heutiger Sicht geradezu schockierend sind Beispiele des sogenannten „Soldatenhumors“, in dessen noch harmlosester Ausprägung am 10. August das Abortfenster eines Militäreisenbahnwagens mit dem Schild „Französische Gesandtschaft“ bezeichnet wurde. Ein weiteres Beispiel ist „Kriegs-Speisekarte des Gasthauses zur Bundestreue, Zweikaiserstraße Berlin-Wien“ (11. September), in der etwa „bayerische Prügelsuppe“ und österreichische „Haubitzenklößchen“ oder die Spezialität „Pariser Belagerungsbrötchen“ angeboten wurden, um hier nur die weniger schockierenden zu nennen.
    Man versuchte also, die heimische Bevölkerung durch solche Texte zur Unterstützung des Krieges und der im Feld stehenden Soldaten anzuhalten, wobei besonders häufig auch deren Ehefrauen direkt angesprochen wurden. So beispielsweise in den „Kriegsliedern“ des Diakons, Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Karl Weitbrecht, die anlässlich des deutsch-französischen Krieges 1871 entstanden sind. Hier wird das offizielle Bild einer idealen Soldatenfrau propagiert: „zum Lebewohl eine Träne noch, ihr Mütter und Weiber und Bräute! Dann wieder schnell das Auge hell: Fernab schon klirren die Waffen, nun gilt es für euch zu schaffen! […], nun weg mit dem Band aus dem lockigen Haar, nun weg mit des Schmuckes Flimmer! Wenn die Schwerter blitzen, der Scheiden bar, gilt Goldesgefunkel nimmer, in schlichtem Gewand, mit sorgender Hand, so steht ihr im Herzen geschrieben, den fernen, den kämpfenden Lieben.“ Und man gab den Ehefrauen sogar eine Anweisung an die Hand, „was die Frau nicht ins Feld schreiben soll“. Dementsprechend sollten „die Briefe, die unsere Frauen in das Feld schicken, […] ein Ausdruck der Zuversicht und der Hoffnung sein“. Vor allem von unwichtigen, alltäglichen Fragen, aber auch von Klagen über den beschwerlichen Alltag sei abzusehen, stattdessen sei „vertrauensvoll und freudig“ zu schreiben, so dass die Soldaten nicht zusätzlich belastet würden.

    Der anfängliche Optimismus – am 1. September waren aufgrund einer Niederlage der englischen Truppen einige Herrenberger Häuser beflaggt und die Kirchenglocken geläutet worden, die Herrenberger Schüler hatten auf dem Marktplatz „Nun danket alle Gott“ angestimmt, bevor Stadtschultheiß Wilhelm Hauser eine, wie es heißt, „dankerfüllte Ansprache über die glorreichen Siege unserer Truppen“ hielt – verschwand allerspätestens mit Beginn der Feldarbeit im Frühjahr 1915, da es bald an Arbeitskräften, Pferden und Fuhrwerken mangelte. Dies bedeutete eine stärkere Belastung für Frauen, Kinder und ältere Männer, und auch die allgemeine Versorgungslage wurde zunehmend schlechter. Schon im August hatte der württembergische Innenminister Karl von Fleischhauer einen Aufruf mit der Bitte an alle in Industrieorten entbehrliche Arbeiterinnen und Arbeiter veröffentlicht, bei den für die Sicherstellung der „Ernährung unserer Bevölkerung“ notwendigen Erntearbeiten zu helfen, da „durch die Einberufung einer großen Zahl von in der Landwirtschaft tätigen Männern es vielfach an ausreichenden Arbeitskräften“ fehle.
    Ab Anfang September wurden im Gäuboten dann die aus dem Oberamtsbezirk Herrenberg stammenden Gefallenen aus den württembergischen Verlustlisten veröffentlicht. Der Männerturnverein Herrenberg schaltete am 17. September mit einer Anzeige für seine gefallenen Mitglieder Ulrich Bühler und den Hauptlehrer Hans Hepperle die erste Gefallenenanzeige im Gäuboten überhaupt. Darüber hinaus zeichnete sich die Einziehung immer jüngerer Kriegsteilnehmer ab, und zwar durch die Einbestellung der männlichen Herrenberger Jugend zur Schießausbildung auf die Schießbahn im Steingraben (18. September), in einem Aufruf vom 25. Oktober appellierte man bereits an die „jungen Leute vom 16. bis 20. Lebensjahr und deren Väter, Lehrherren, Arbeitgeber und Prinzipale“ sich in der Turnhalle einzufinden, damit „unsere Jünglinge auf ihren künftigen Soldatenberuf“ entsprechend vorbereitet werden konnten.
    Allein in der Kernstadt Herrenberg sollten 91 Männer dem Ersten Weltkrieg, der am 2. August 1914 mit Glockengeläut in den Gäuorten begonnen hatte, zum Opfer fallen.

  • Juli 2014

    Juli 2014

    Die Julikrise und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Spiegel der Berichterstattung des Gäuboten (Teil 1)

    Die Julikrise
    Am 28. Juni 1914 wurden der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin Herzogin Sophie von Hohenberg in Sarajewo erschossen. In der Folge erklärte Österreich-Ungarn, nachdem es von Kaiser Wilhelm II. und Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg eine Blankovollmacht mit der Zusicherung bedingungsloser militärischer Unterstützung erhalten hatte, Serbien am 28. Juli 1914 den Krieg. Das Königreich Serbien, das seinerseits auf militärische Unterstützung Russlands bauen konnte, hatte zuvor ein Ultimatum vom 23. Juli verstreichen lassen, in dem Österreich-Ungarn u.a. eine gerichtliche Untersuchung gegen die Attentäter gefordert hatte. Als Reaktion auf die russische Generalmobilmachung erklärte das Deutsche Reich, das mit Österreich-Ungarn und Italien im sogenannten Dreibund verbunden war, am 1. August Russland und am 3. August dem mit diesem und Großbritannien verbündeten Frankreich den Krieg. Der Angriff auf Frankreich im Nordosten unter Verletzung der belgischen und luxemburgischen Neutralität führte schließlich zur Kriegserklärung Großbritanniens an Deutschland am 4. August 1914 – aus dem regionalen Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien war ein Kontinentalkrieg mit unabsehbaren Folgen geworden.
    Der Kriegsausbruch im Spiegel der Berichterstattung des Gäuboten
    Die sogenannte Julikrise und in der Folge der Ausbruch und die ersten Wochen des Ersten Weltkriegs lassen sich auch im Gäuboten – bzw. im Gäu- und Ammertalboten, wie die Zeitung seit einer Formatvergrößerung 1909 hieß –, dem Amts- und Anzeigeblatt für den Oberamtsbezirk Herrenberg, minutiös nachverfolgen. Dabei erstaunt die detaillierte Berichterstattung, beginnend mit den Mitteilungen über das Attentat von Sarajewo; die Artikel lieferten sofort umfangreiche Hintergrundinformationen zu den Attentätern oder zur Reaktion des zu diesem Zeitpunkt in der Sommerfrische in Bad Ischl weilenden Kaisers Franz Joseph und der Kinder des ermordeten Thronfolgerpaars sowie zu den diplomatischen Reaktionen in Paris oder St. Petersburg. Auf der ersten Seite der Ausgabe vom Freitag, 3. Juli 1914, findet sich gar eine Porträtskizze von Franz Ferdinand und seiner Gemahlin – und das, obwohl sonst im Gäuboten, außer im Anzeigenteil, noch komplett auf Bilder verzichtet wurde. Dies entsprach der Linie des Verlegers Gustav Fischer, der seit seiner Heirat mit einer Enkelin des Verlagsgründers Andreas Braun 1899 Teilhaber war, den Verlag 1901 umbenannt und 1903 endgültig übernommen, neue Rubriken eingeführt und auch die nichtlokale Berichterstattung weiter ausgebaut hatte.
    In der Folge, während der langsamen Zuspitzung der Julikrise, sind neben den „harten“ Fakten immer wieder politische Kommentare eingestreut, z.B. am 6. Juli zu den „Lehren“ aus dem Attentat von Sarajewo, am 20. Juli zum Besuch des französischen Präsidenten Raymond Poincaré am Zarenhof oder am 22. Juli zur „österreichisch-serbischen“ Spannung, wo Österreich-Ungarn und dem Berliner Auswärtigen Amt „Friedensliebe“ und „Mäßigung“ bescheinigt werden. Mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien finden sich zunehmend auch praktische Informationen für die Leser über die Folgen eines Krieges für die Bürger des Oberamts Herrenberg; so z.B. bereits am 31. Juli, also noch vor der deutschen Kriegserklärung an Russland, ein Artikel „Stehen Sparguthaben auch im Kriegsfalle sicher?“, was bejaht und mit dem Beispiel des Deutschen Kriegs 1866 und des deutsch-französischen Kriegs 1870/71 belegt wurde: „Niemand hatte bei einer behördlichen Sparkasse einen Pfennig verloren […] Die Ansicht, dass ein Goldstück im Strumpf beim Ausbruch eines Krieges sicherer sei als eine Eintragung von 20 Mk im Sparkassenbuch, ist nach alledem völlig falsch.“
    Extraausgabe zur Bekanntgabe der Mobilmachung
    Am 1. August wird dann auf der Titelseite halbseitig die Erklärung des Kriegszustands aufgrund Art. 68 Reichsverfassung publiziert, in der jeder Staatsbürger zur Förderung der militärischen Maßnahmen, u.a. durch Geheimhaltung aller Heeresangelegenheiten vor dem Ausland, verpflichtet wurde. Der Rest der Titelseite ist mit verschiedenen Bekanntmachungen gefüllt, z.B. dem Verbot des Aufsteigens von Luftfahrzeugen, einer Erklärung über Beschränkungen des Postverkehrs im Inland, die darin bestanden, dass bis auf weiteres verschlossene Privatsendungen in linksrheinisches Gebiet und einige zu den Befehlsbereichen der Festungen Straßburg und Neuf-Brisach gehörige badische Postorte nicht mehr angenommen werden sollten, sowie einer Anweisung über die Behandlung der zum militärischen Nachrichtendienst benutzten Brieftauben, die beinhaltete, dass diese bei Auffinden unverzüglich dem Ortsvorsteher oder der obersten Militärbehörde auszuhändigen seien. Am Ende der Titelseite schließlich steht der mit „Furchtlos und treu!“ überschriebene Kommentar, in welchem die volle Verantwortung für den Ausbruch des Kriegs dem russischen Zaren und seiner Regierung zugeschrieben wird, worüber bei „keinem ehrlich denkenden Menschen ein Zweifel bestehen“ könne. Schließlich hätten doch die seit Jahren betriebenen russischen Rüstungsanstrengungen auch Frankreich immer weiter „in seine Ränke“ mit hineingezogen. Von wem diese Kommentare stammten, geht aus dem Gäuboten nicht hervor, da sie keinerlei Namenskennzeichnung tragen. Für die Berichterstattung über Ereignisse, die Württemberg, das Deutsche Reich oder die Welt betrafen, bediente man sich, so Roman Janssen in seinem Aufsatz zum 175-jährigen Jubiläum des Gäuboten, ungenannter Presseorgane als Quellen, denen man offenbar auch die Kommentare entnahm.
    Die Folgeseiten sind dann vor allem Nachrichten rund um den Ausbruch des Kriegs gewidmet. So wird, wohl auch zum moralischen Aufbau der eigenen Bevölkerung, u.a. über die „Panik in Paris“ berichtet, die dazu geführt habe, dass die dortige Bevölkerung die Bank von Frankreich und andere Großbanken gestürmt habe. Unter der Überschrift „Ruhe ist des Bürgers Pflicht“ wird die Bevölkerung gleichzeitig dazu aufgefordert, Hamsterkäufe zu unterlassen. Anlässlich der Mobilmachung am 1. August druckte der Gäu- und Ammertalbote zusätzlich noch eine einseitige Extraausgabe zur Bekanntmachung der Mobilmachung und für weitere, den Krieg betreffende Mitteilungen.
    Mit dem 2. August, dem ersten Mobilmachungstag, an dem in den Gäuorten auch die Kirchenglocken läuteten, machte sich der Erste Weltkrieg dann vollends in den Artikeln, ja teilweise sogar in den Anzeigen breit, und Kriegstagebücher und Feldpostbriefe wurden später abgedruckt, „um den starken und tüchtigen Geist, der unsere Truppen im Felde beherrscht“, zu zeigen – genug Stoff also für einen weiteren Artikel in unserer Serie „Neues aus dem Stadtarchiv“.

  • Juni 2014

    Juni 2014

    „Nach modernsten Geschichtspunkten eingerichtet“- Zur letzten Saison des „alten“ Herrenberger Freibads

    Am 19. Juli 1931 wurde in Herrenberg das neue Freibad in den Seeländern eröffnet. Bei der Eröffnungsfeier gab es neben musikalischen Darbietungen von Männer-und Schülerchor sowie Musikverein und einer Ansprache des Bürgermeisters Schick auch ein Schauschwimmen einer Abteilung der Schutzpolizei Stuttgart und auf dem danebenliegenden Fußballplatz eine Partie der Reserve der Bezirksliga-Mannschaft der Stuttgarter Kickers gegen die Mannschaft Herrenberg 1.
    Da das alte Bad bei der Turnhalle laut Ergebnis einer oberamtsärztlichen Visitation vom 14. bis 20. November 1929 „in jeder Hinsicht ungenügend“ sei – „Es ist viel zu klein, hat allzu wenig Wasser und reicht bei weitem nicht für die Schulkinder aus“ –, entschloss sich der Gemeinderat im Zusammenhang mit der Modernisierung der Herrenberger Wasserversorgung zum Neubau. Für die Zeit der Wirtschaftskrise war ein solches Großprojekt durchaus ungewöhnlich. Die Kosten beliefen sich laut Baukostenabrechnung vom 1. März 1932, die im Stadtarchiv Herrenberg aufbewahrt wird, für die neue Wasserversorgungsanlage, für den eigentlichen Bau des Freibads, für die Herstellung eines Zugangs zum Bad, für die Drainage des Geländes, für die Tieferlegung des Aispachs und für die Anlage des Sportplatzes auf 104 126,57 RM. Zur Finanzierung hatte man u.a. beschlossen, den Einnahmeüberschuss aus der 700-Jahrfeier 1929 in Höhe von 6 096,17 RM zu verwenden, außerdem wandte sich die Stadt in einem Aufruf im Gäuboten vom 19. Juni 1931 auch direkt an die Einwohnerschaft mit der Bitte um Spenden. In der Baukostenabrechnung wurden schließlich 2 503 RM an freiwilligen Beiträgen geführt.
    Das neue Bad wurde, wie es heißt, nach modernsten Gesichtspunkten eingerichtet; im Vorfeld hatte der Gemeinderat u.a. die Bäder in Feuerbach, Vaihingen, Untertürkheim und Möhringen besichtigt. Und da es – nach anfänglichen Schwierigkeiten, u.a. aufgrund undichter Zementrohrleitungen – sehr gut funktionierte, zog es bald Gäste von nah und fern, z.B. auch aus dem Oberamtsbezirk Horb, an. Es wurde auch Werbung, z.B. im Stuttgarter Neuen Tagblatt, im Schwarzwälder Volksblatt, in der Württembergischen Hochschulzeitung, aber auch bereits 1932 im N.S.-Kurier dafür gemacht, und Städte wie Ulm, Oberkirch und Böblingen baten um die Überlassung von Bild- und Planunterlagen, um ebenfalls ein solch schönes Bad zu bauen.
    Auch mit den der Situation in der Wirtschaftskrise angepassten niedrigen Eintrittspreisen wurde geworben. So fielen für ein Einzelbad einer über 15-jährigen Person in einer Einzelkabine mit Schlüssel 50 Pfennig, in einer Wechselkabine mit Bügel und Aufbewahrung 30 Pfennig und in einer Sammelkabine mit offener Kleiderablage ohne Gewähr 20 Pfennig an. Dabei setzte man eine Benutzungsdauer von bis zu vier Stunden an, für jede weitere angefangene Stunde wurden 10 Pfennig pro Kabine fällig. Ein Kartenheft für zwölf Bäder kostete 4,50 bzw. 2,70 bzw. 1,80 RM.
    Interessant ist auch das zur Badeordnung entstandene Schriftgut, erhalten ebenfalls im Stadtarchiv Herrenberg. Vor allem das „Luftbad“ auf der Liegewiese, so wurde in Zuschriften an die Stadtverwaltung zu bedenken gegeben, sei eine Gefahr für die Sittlichkeit. Der Kirchengemeinderat äußerte sich sogar in einem Artikel im Gäuboten vom 27. Juni 1931, also noch vor der Eröffnung, und sprach sich gegen das in einigen anderen Gemeinden, z.B. in Feuerbach, praktizierte Familienbad aus, „da das, was sich in anderen Gemeinden durchgesetzt hat, nicht ohne weiteres für das kleinere Herrenberg passt. Auf alle Fälle ist der KGR der Auffassung, dass es möglich sein sollte, auch nachmittags getrenntes Baden beider Geschlechter einzurichten.“ Herrenberg sei hierfür noch nicht „fortgeschritten genug“. Auch befürchtete man ungünstige Auswirkungen auf die Kinder, da Schüler und Schülerinnen zwar beim Turnen getrennt, beim Baden dann aber vereint seien. Um allen Seiten gerecht zu werden, führte man zunächst neben Gemeinschaftsbadezeiten auch Einzelbadezeiten für Männer und Frauen ein, u.a. montags zwischen 12 und 17 Uhr für Frauen und zwischen 17 und 21 Uhr für Männer, am Mittwoch war dagegen den ganzen Tag Gemeinschaftsbadezeit. Außerdem sollte auf die strengste Einhaltung der Badeordnung geachtet werden, die auch die Badekleidung regelte und speziell sogenannte Dreikant, also die Dreiecksbadehose, verbot, damit es zu keiner „Verwilderung der Sitten“ komme. Da die Einzelbadezeiten allerdings sehr schlecht besucht waren, wurden sie aus wirtschaftlichen Gründen bereits am 5. August 1931 zunächst auf dienstags von 8 bis 11 Uhr für Frauen und freitags von 8 bis 11 Uhr für Männer reduziert und schließlich 1932 ganz abgeschafft. Besonders ungünstig sei in diesem Zusammenhang nämlich auch, dass Fremde, die wegen des Badens kamen, an den Einzelbadetagen abgewiesen werden mussten, was häufig einen Einnahmeausfall von bis zu 50 RM täglich bedeutete. Gerade der Aspekt, den Fremdenverkehr damit anzukurbeln, war 1929 auch ein Argument für den Bau des neuen Bades gewesen.

  • März 2014

    März 2014

    „Frauen – Männer – Macht“. Eine Ausstellung zum Tag der Archive in Kooperation mit der Frauengeschichtswerkstatt.

    Am Samstag, 8. März 2014, findet zu diesem Thema von 10:30 Uhr bis 12:30 Uhr eine Veranstaltung im Stadtarchiv Herrenberg statt. Anlässlich des Tages der Archive zeigt das Stadtarchiv eine kleine Ausstellung, die in Kooperation mit der Frauengeschichtswerkstatt entstanden ist. Sie wird während der Öffnungszeiten des Stadtarchivs bis Anfang Mai zu sehen sein.
    Seit 2004 findet alle zwei Jahre – in diesem Jahr also bereits zum siebten Mal – deutschlandweit der vom Berufsverband der Archivarinnen und Archivare (VdA) immer zu einem bestimmten Thema ausgerufene Tag der Archive statt. Dessen Ziel ist es, über ein interessantes Angebot an diesem Tag und weitergetragen durch die lokalen und regionalen Medien Besucher zu gewinnen und so einer breiten Öffentlichkeit und politischen Entscheidungsträgern die Bedeutung archivarischer Arbeit nahe zu bringen. Seit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März 2009 findet der Tag der Archive aus Solidarität bewusst im März statt. In diesem Jahr fällt der Termin zusätzlich auf den Internationalen Frauentag, weshalb der VdA das Thema „Frauen – Männer – Macht“ ausgewählt hat. Die Ausstellung beleuchtet anhand der Biographien ausgewählter Frauen verschiedene Aspekte dieses Themas in der Herrenberger Geschichte und zeigt vor allem die Spuren, die sie im Stadtarchiv Herrenberg und darüber hinaus hinterlassen haben.
    Da ist zum einen Justina Dorothea Heß (1704-1782), die Ehefrau des Herrenberger Vogts Gottlieb Friedrich Heß (1697-1761). Während sie gemäß einer Aufstellung ihres Heiratsguts eine stattliche Aussteuer in Höhe von über 4000 Gulden in die Ehe brachte, war ihr Mann bereits seit 1724 in der Nachfolge seines Vaters Vogt im Amt Herrenberg, bestehend aus der Stadt Herrenberg und den umliegenden Amtsorten, also ein mächtiger Mann. Anhand einiger ausgewählter Dokumente, etwa eines Charakterbilds Justina Dorotheas in der Chronik ihres Mannes, einer Aufstellung ihres Heiratsguts und der von ihr schriftlich festgehaltenen  Vorkehrungen für ihr Begräbnis soll eine Annäherung an die Lebenswirklichkeit dieser Ehefrau eines mächtigen Mannes versucht werden.
    Ganz anders war die Situation von Catharina Elisabeth und Maria Agnes Schertlin, die im Jahr 1753 als „ohnmächtige“ Frauen am Rand der Gesellschaft standen und diesem Schicksal durch eine Auswanderung nach Pennsylvania zu entkommen suchten. Ihr Ziel war es, in die Neue Welt zu ziehen und mich daselbst ehrlich zu nähren, schreibt Maria Agnes Schertlin in ihrer Bitte an den Rat, ihr eine Reiseunterstützung zu gewähren. Dieses Dokument ist glücklicherweise im Stadtarchiv erhalten geblieben und wird ebenso gezeigt wie Gerichtsprotokolle, Inventuren und Teilungen und Pflegrechnungen – zugleich zentrale Bestände des Stadtarchivs –, die Aufschluss über die beiden Schwestern und ihre Geschichte geben können.
    Lina Link bei der Einführung der Gemeinderäte im Jahr 1956

    Auch die jüngere Vergangenheit kommt nicht zu kurz. Dies zeigt die Frauengeschichtswerkstatt anhand der Herrenberger Gemeinderätinnen Lina Link und Luise Schöffel. Lina Link wurde 1951 erstmals in den Gemeinderat gewählt und danach mehrfach wiedergewählt. Bei zwei Wahlen wurde sie Stimmenkönigin. Von 1956 bis 1967 war sie die einzige Frau im Gemeinderat, 1968 zog mit Luise Schöffel wieder eine zweite Frau in dieses Gremium ein. Beide Frauen hatten sich vor dem Schritt in die Kommunalpolitik durch ehrenamtliche Betätigung öffentliche Anerkennung erworben, Link durch ihr Engagement für Wohnungssuchende und als Hinterbliebenenbetreuerin im VdK, Schöffel durch die Gründung des „Verbandes lediger Mütter“, dessen Vorsitzende sie von 1967 bis 1976 war. Mit Mut, Humor und scharfer Kritik gelang es ihnen, sich in der männerdominierten (Gemeinderats-)Welt zu behaupten.
    Um 11:00 Uhr bietet sich zudem bei einer Archivführung die Möglichkeit eines Blickes hinter die Kulissen, d.h. in die Magazine, des Stadtarchivs.

  • Dezember 2013

    Dezember 2013

    Weihnachtliches aus dem Stadtarchiv Herrenberg

    Werbung in den Dezemberausgaben des Gäuboten am Ende des 19. Jahrhunderts
    Alle Jahre wieder steht Weihnachten vor der Tür, und man kann sich der Präsenz dieses Festes zumindest in der Werbung schon Wochen bzw. Monate vorher nicht entziehen. Wie aber war das in früheren Zeiten? Erstaunlicherweise – auf seine Art – offenbar ganz ähnlich wie heute. Belege dafür finden sich im Stadtarchiv Herrenberg, das auch die komplette Serie des Gäuboten bzw. seines Vorgängers, des Amts- und Intelligenzblatts für den Oberamtsbezirk Herrenberg, ab 1838 aufbewahrt. In den Dezemberausgaben gab es nämlich am Ende des 19. Jahrhunderts große, teilweise ganzseitige Anzeigen, in denen für Weihnachtsgeschenke geworben wurde. Diese Anzeigen offenbaren einerseits, wie einfach die „Werbung“ damals funktioniert hat, andererseits geben sie einen Eindruck von der Art der Weihnachtsgeschenke in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts.

    Bücher, Christbaumkonfekt, Haarketten und Exotisches

    So warb beispielsweise Immanuel Krayl, Inhaber eines Lagers für Woll- und Weißwaren, 1892 für „passende Weihnachtsgeschenke“ wie Fanchons – der neueste Schrei in Sachen Damenkopfbedeckung –, Taschentücher, Schals usw.; diese seien „unter Zusicherung billigst gestellter Preise zu empfehlen“ und er lade „zu recht zahlreichem Besuche freundlichst ein“. Daneben fand sich eine weitere Anzeige Krayls, der auch Buchbinder war und dementsprechend „schön gebundene Erbauungs-Bücher, Schul- und Notizbücher, Brieftaschen, Papeterien, Schreibmappen, Photographie- und Schreibalben, Geldbörsen, Zeichnungsetuis, Farbenschachteln, Schreibhefte und Schiefertafeln, Modellirbogen, Kalender, Bilderbücher in reicher Auswahl, ferner Schreib- und Zeichnungsmaterialien, Photographierahmen in allen Größen, Schmuckgegenstände sowie Christbaumverzierungen“ anbot.
    Daneben inserierten aber auch „ausländische“ Händler wie Paul Venedig aus Dresden, der Christbaum-Konfekt „als Figuren, Tiere, Sterne etc.“ bewarb und diese in Kisten zu 440 Stück für 2,80 Mark abgab. Auch damals schon gab es übrigens die Möglichkeit, die Ware versandkostenfrei zu erhalten, bei Paul Venedig war dies ab 3 Kisten der Fall. Weihnachtsschmuck anderer Art bot der Seifensieder Karl Hiller, jetzt wieder aus Herrenberg, an, bei dem es Christbaumverzierungen und Lichterhalter sowie allerlei Sorten von Christbaumlichtern zu erwerben gab. Und für die Weihnachtsbäckerei offerierte das Siebgeschäft und Spezereihandlung von G. Härther Zucker, Zitronat, Pomeranzenschalen, Zitronen, Zibeben, Rosinen und sämtliche Gewürze zu äußerst billigen Preisen. Freilich konnte man auch auf das Selbstbacken verzichten und weihnachtliche Köstlichkeiten beispielsweise bei dem Bäcker Wilhelm Krauss erwerben, der „feinste Basler, Nürnberger, Honig- und Zuckerlebkuchen, Springerle und Konfekt in schöner Auswahl sowie gutes Schnitzbrot“ im Sortiment führte.

    Ein sehr spezielles Weihnachtsgeschenk bot dagegen der Friseur W. Haas aus der Seestraße an: neben Ketten, Broschen, Ringen und Buchzeichen auch Zöpfe aus Echthaar. Die Blütezeit dieser Schmuckform war das 19. Jahrhundert; Schmuck aus dem eigenen Haar galt als Zeichen der Verbundenheit und Liebe, und oft stellten Frauen ihn selbst nach Anleitungsbüchern her oder Friseure fertigten nach Auftrag diese individuelle Geschenkidee, die sich einer großen Beliebtheit erfreute.
    Besonders exotisch war das Angebot von Taen-Arr-Hee aus Nanking, der in einer Anzeige für seine China- und Japan-Waren-Handlung in Berlin warb: Die für 10 Mark erhältlichen und soeben mit einem Schiff namens Bellona in Hamburg eingetroffenen Weihnachtskisten enthielten unterschiedlichste Gegenstände, von der japanischen Teetasse über chinesischen Souchong-Tee, ein japanisches Tee-Blumen-Spiel bis hin zu einem japanischen Crèpe-Papier-Lampenteller mit Silberrand und entsprechenden Lampions, aber auch echte Kuriositäten wie japanisches Zahnpulver und einen japanischen Jagdbogen.

    Spielzeug von erzieherischem Wert für die Kinder

    Doch auch die Kleinsten sollten nicht zu kurz kommen. So lud der Dreher und Schirmmacher Chr. Hausser zum Besuch seiner Weihnachtsausstellung von Kinderspielwaren ein und empfahl für Mädchen von 9 bis 14 Jahren etwa eine Anleitung zur Herstellung von Puppenkleidern, die von einer Lehrerin der Frauenarbeitsschule Heilbronn erstellt worden war, für Jungen „Richters Steinbaukasten“, manchmal auch Anker-Steinbaukasten genannt, ein Systemspielzeug des 19. Jahrhunderts. Es basierte auf der Idee von Grund- und Ergänzungskästen zum Bau idealtypischer Gebäude. Auch die Herstellerfirma F. A. Richter & Cie. aus Rudolstadt in Thüringen selbst schaltete im Gäuboten eine Annonce für ihren seit 1882 produzierten Baukasten, da „tausend und abertausend Eltern den hohen erzieherischen Wert der berühmten Anker-Steinbaukasten lobend erkannt haben: es gibt kein besseres und geistig anregenderes Spiel für Kinder und Erwachsene. Sie sind das beste und auf die Dauer billigste Weihnachtsgeschenk für kleine und große Kinder. Näheres findet man in der neuen illustrierten Preisliste, die sich alle Eltern eiligst von der unterzeichneten Firma kommen lassen sollten, um rechtzeitig ein wirklich gediegenes Geschenk für ihre Kinder auswählen zu können.“ Ausnahmsweise enthielt diese Anzeige sogar eine kleine Abbildung. Der Spielwarenmarkt in Herrenberg lag aber offenbar nicht allein in Haussers Hand, denn auch der Dreher J. Enßlin wies in einer Anzeige auf der gegenüberliegenden Seite auf sein „reichhaltiges Lager in Kinderspielwaren mit vielen Neuheiten ausgestattet“ hin, das nunmehr wieder eröffnet sei.
    Jahrzehnte früher, in den Jahren 1849 und 1850, waren indes nur vereinzelt Anzeigen zu finden gewesen, auf deren optische Gestaltung man zudem offenbar noch keinen allzu großen Wert gelegt hatte. Die Entwicklung der Zeitung auch als Werbemedium scheint sich erst bis zum Ende des 19. Jahrhunderts richtig vollzogen zu haben.
    Der Blick in die Dezemberausgaben des Gäuboten gibt somit nicht nur eine Vorstellung von weihnachtlichen Werbegepflogenheiten eines Zeitungsbetriebs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sondern vermittelt auch Informationen darüber, was in dieser Zeit unter dem Weihnachtsbaum lag. Interessant ist dabei auch zu beobachten, dass die annoncierenden Händler meist mehrere berufliche Standbeine hatten, z.B. neben einem Spielwarensortiment auch Schirme oder Ähnliches verkauften oder zur Aufstockung ihres Verdienstes als Seifensieder auch auf den Absatz von Christbaumschmuck angewiesen waren.   

  • September 2013

    September 2013

    Ferienzeit – Reisezeit.
    Die Nachtbücher geben einen Eindruck, wer in Herrenberg ein- und durchreiste

    Mobilität ist heute, zumal in den Ferien, ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Lebens. Doch wie sah das in früheren Jahrhunderten aus? Ein sehr spannender, aber bisher wenig beachteter Quellentypus, sogenannten Nacht- oder Übernachtbücher, die sich für die Jahre zwischen 1832 und 1855 im Stadtarchiv Herrenberg erhalten haben,  geben über die Ein- und Durchreisenden in Herrenberg und auch über die Übernachtungszahlen in der Stadt Auskunft.
    Bei den Nachtbüchern handelt es sich nicht etwa um Gästebücher der zu dieser Zeit bestehenden Gastwirtschaften, wie Sonne, Post, Hase, Waldhorn, Rose oder Rössle, sondern um ein „polizei-amtliches“ Dokument. Die späteren Bände weisen im Gegensatz zum ersten Nachtbuch ein gedrucktes Formular auf, in das der Reihe nach der Tag des Übernachtens, der Name des Wirtshauses, der Name des „Fremden“, sein Stand oder Gewerbe, der Herkunftsort, der Reisezweck und das Reisedokument, mit dem sich der Durchreisende ausweisen konnte, einzutragen waren. Die Einträge wurden nicht von den Reisenden selbst, sondern vom jeweiligen Diensthabenden der Polizeistelle vorgenommen.
    Der erste erhaltene Band beginnt, ohne Vorsatz- und Titelblatt, am 1. November 1832; die Einträge sind zunächst nacheinander ohne Spalten unter dem Datum und den entsprechenden Gaststätten eingetragen. Mit Jahresbeginn 1834 wurden dann mit Bleistift Spalten gezogen, die noch die zusätzlichen Informationen boten, ob es sich bei den Übernachtungsgästen um In- oder Ausländer handelte, aus welchem Grund und eventuell auch wie lange sie in Herrenberg blieben, z.B. „bleibt einige Tage hier“ oder „bleibt auf den Markt hier“. Dabei fällt auf, dass neben den Gaststätten als Übernachtungsmöglichkeit im ersten Band auch immer wieder eine Frau Rinderknecht sowie der Name Weis auftauchen; hier wurden offenbar eine Zeitlang auch Privatübernachtungen angeboten.
    Bereits der Band von 1840 gibt einen Eindruck von der buntgemischten Personenschar, die in diesem und dem folgenden Jahr in Herrenberg Station machte. Demnach gehörte z.B. zu den in Herrenberg Übernachtenden der am 19. Oktober 1840 im Deutschen Haus abgestiegene Hofbaumeister Ludwig Friedrich Gaab (1800–1869), der neben seiner Tätigkeit im württembergischen Eisenbahnbau u.a. das Kronprinzenpalais in Stuttgart schuf. Oder der Kaufmann Johann Nerwo aus Trient, der Revisor Lang aus Stuttgart am 25. September und der Wundarzt Gottlieb Haugs aus Ebingen bei Balingen, der am 8. September in der Sonne abstieg.
    Interessant ist auch, dass am 8. September 1840 eine Handelsfrau, die Witwe von Johannes Scheuring aus Ehningen, mehrmals im Waldhorn abstieg, die sich durch ein Patent auswies, also in vollem Umfang die Geschäfte ihres Mannes übernommen zu haben scheint. Sie ist übrigens nicht die einzige Händlerin, die in den Übernachtbüchern aufscheint. Zudem kamen Flößer, Glashändler, Soldaten auf Urlaub oder der Käsehändler Josef Fink aus Ochsenhausen in die Stadt, der im Hasen übernachtete, um in Herrenberg seinen Geschäften nachzugehen.

    Erwähnenswert sind ferner die Einträge von ausländischen Übernachtungsgästen wie des Krautschneiders Johann Josef Kleboth aus Schruns in Tirol, der am 13. Dezember 1840 auf dem Nachhauseweg durch Herrenberg kam und im Rössle übernachtete, des in der Post abgestiegenen Orgelspielers Anton Muti aus Italien oder des Handelsmanns Louis Canselier aus Frankreich am 19. Dezember 1833, ebenfalls in der Post.
    Am 17. Dezember 1840 hatte man freilich einen besonderen Gast in Herrenberg: die Erbprinzessin Josephine von Sigmaringen, eine geborene badische Großherzogin mit Bedienung, machte auf der Durchreise im Hotel Post am Marktplatz Station. Dort übernachteten offenbar bevorzugt die höchstgestellten Herrschaften, wie auch am 25. Februar 1841 Freiherr von Reischach, Oberlandstallmeister aus Stuttgart, Vertreter des ursprünglich aus Hechingen stammenden Stuttgarter Bankier- und Handelshauses Kaulla, der Prinz und die Prinzessin von Salm zu Salm, am 15. April 1841 Hauptmann Joseph Freiherr von Gumppenberg aus München, Adjutant des bayerischen Kriegsministers Hertling, oder am 14. April 1848 Graf von Andlau mit seinen Bediensteten samt  „Geferth und Kutscher“. Andererseits stiegen in der Post aber auch einfache Handwerker ab.
    Immer wieder tauchen auch Soldaten auf, so z.B. am 29. Januar 1840 badische Rekruten auf dem Weg zum Einrücken in ihr Regiment, ebenso Studiosi auf Besuch, aber natürlich auch Handwerker wie ein Schmied, Seifensieder, Metzger, Konditor, Bäcker, Wollenspinner und Müller. Aber auch ein Klavierlehrer, Mühleninspektor, Oberjustizrat, Professor, Doktor und Schulprovisor finden sich hier. Neben Reisenden aus Württemberg, Hohenzollern und Bayern kamen zudem immer wieder Reisende aus weiter entfernten Territorien, wie der Zimmermann Carl Heinrich Dietrich aus Danzig in Preußen am 13 Dezember 1847, der Nagelschmied Julius Hilbig aus Liegnitz in Preußen, der sich ebenfalls zur Arbeit in Herrenberg befand und sich mit seinem Wanderbuch auswies, oder der Handelsmann Christian Lutschmann aus Tagschau in Tirol, der sich am 16. Januar 1848 in der Rose einquartierte.
    So vermitteln die Nachtbücher ein eindrucksvolles und teilweise auch überraschendes Bild von der Mobilität im 19. Jahrhundert.

  • Juli 2013

    Juli 2013

     Auswandererbriefe im Stadtarchiv Herrenberg
    „Wohl sind wir dausent und dausent Meilen voneinander entfernt und ein Ocean bildet die Scheidwant, aber doch vermöchten sie nicht unsere Herzen zu scheiden“.
    Auswanderungsbewegungen aus dem Herzogtum Württemberg gab es bereits im 18. Jahrhundert. Dies belegen die als Reaktion darauf erlassenen herzoglichen Generalreskripte, z.B. aus den Jahren 1709, 1712 und 1717, mit denen Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg (1676-1733) und seine Beamten die Auswanderung einzudämmen suchten. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gingen diese Bewegungen zunächst zurück, um dann seit den 1780er Jahren wieder zuzunehmen. Jedoch erst im 19. Jahrhundert, beginnend mit der Emigration von 1800/04, als 1,5 Prozent der Bevölkerung Württemberg den Rücken kehrte, wurde dies mehr und mehr zu einem Massenphänomen, Höhepunkt war die Zeit zwischen 1846 und 1855.  
    Gründe für die Auswanderung waren v.a. Missernten, Teuerung und Hungersnöte bei gleichzeitigem Verfall der Reallöhne wie in den Jahren 1816/17, 1831/32, 1846/47 und 1852/54. Dies wurde noch dadurch verstärkt, dass durch die Realteilung, also die gleichmäßige Verteilung des Erbes auf alle Erbberechtigten, der Grundbesitz immer mehr zersplitterte und auch die zahlreichen kleinen Handwerker sehr krisenanfällig waren.

    Die Auswanderungsströme haben auch in den Archiven Spuren hinterlassen, und zwar in Form von Dokumenten vorwiegend aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die besonders faszinierend und anrührend zugleich sind. So finden sich in den Beständen der sogenannten Pflegrechnungen sowie in den Inventuren und Teilungen des Stadtarchivs Herrenberg und der Teilortsarchive zahlreiche Auswandererbriefe, die von den Umständen der Überfahrt, der Lebenssituation in der neuen Heimat oder dem zwar arbeitsreichen, aber doch das Auskommen besser sichernden Leben in Amerika – „wir müßen noch härter arbeiten als in Deutschland, aber wir thun es gerne, weil wir sehen, daß wir gut Land haben und daß die Arbeit nicht umsonst ist“  – berichten. Außerdem werden natürlich die jüngsten Entwicklungen in der Familie, die Geburt oder leider auch oft der Tod von Kindern, häufig zudem Heimweh und die Sehnsucht nach den in Württemberg zurückgelassenen Verwandten sowie die Ungewissheit, ob die letzten Briefe wohl angekommen seien, thematisiert. Immer wieder werden die Familienangehörigen in Württemberg auch dezidiert aufgefordert, doch nach Amerika nachzukommen; oft geht es darüber hinaus um Vermögensfragen wie die Bitte um Nachsendung des in der alten Heimat angefallenen Erbes. Offenbar war der briefliche Kontakt in die alte Heimat aber eher sporadisch: So legte z.B. Georg Riehm aus Oberjesingen in einem Brief vom 1. Februar 1865 dar, was sich in den anderthalb Jahren seit seinem letzten Lebenszeichen zugetragen hatte.
    Interessante Details über den Ablauf und die Dauer der Reise bietet z.B. ein Brief des Oberjesinger Auswanderers George M. Sattler vom 27. August 1889, der die 12 Tage lange Reise von Oberjesingen nach Columbus in Ohio beschreibt: „Am 6. August, als ich von euch Abschied nahm, kam ich abends 6 Uhr in Frankfurt an. Für weiter konnte ich in Stuttgart kein Ticket bekommen, dann sollte ich warten bis 4 Uhr auf meinen Personenzug, was ich nicht that, es ging ein Schnellzug um 1/2 7 Uhr, und mit dem kam ich um 1/2 4 Uhr in Bremen an. In dem Gasthaus, wo ich war, habe ich erfahren, dass noch ein Schiff am selben Tag abging, mit welchem ich abgehen konnte. Ich fuhr auch gleich mit dem nächsten Zug nach dem Bremer Hafen und ging um etwa 4 Uhr nachmittags mit dem Dampfer Saale nach New York ab, wo ich nach 10 stürmischen Tagen in New York landete und am oben genannten Datum am 18. August in Columbus ankam“. Diese Reise scheint Sattler allerdings aus im Brief leider nicht genannten Gründen stark mitgenommen zu haben, da er schreibt, er hüte seither meist das Bett.
    Neben persönlichen Dingen, die naturgemäß das Hauptthema in den Briefen darstellen, tauschte man sich aber auch über politische Dinge wie die Folgen des Unabhängigkeitskrieges oder den Tod des württembergischen Königs Wilhelm im Jahr 1864 aus, von dem die Auswanderer über die Zeitungen erfahren hatten ¬– ein Hinweis darauf, dass man sich immer noch über die Belange der alten Heimat informierte und solche Informationen offenbar auch in amerikanischen Zeitungen zu finden waren.
    So bieten die Auswandererbriefe sehr persönliche Einsichten in das Denken und Fühlen der Menschen des 19. Jahrhunderts, für die es sich lohnt, die Pflegrechnungen und Inventuren und Teilungen einmal systematischer durchzusehen.

    Auswandererbrief vom 16. Juni 1895 und Adresse des Auswanderers George M. Sattler in Columbus, Ohio.


  • Mai 2013

    Mai 2013

    Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte…

    Nicht nur in der täglichen Unterhaltung ist das Wetter und in diesem Jahr insbesondere der lange Winter und der nun mit Macht aufbrechende Frühling ein beliebtes Thema. Auch in einigen Archivalien des Stadtarchivs Herrenberg spielen die Wetterbeobachtung im Allgemeinen und der Frühlingsbeginn im Besonderen eine Rolle. Hier ist zum einen die Chronik des Herrenberger Vogtes Gottlieb Friedrich Heß, zum anderen die Naturgeschichte des Oberamts Herrenberg von Gottlieb Friedrich Rösler aus dem Jahr 1774 zu nennen.
    Gottlieb Friedrich Rösler (1740–1790) war Professor für Mathematik und Physik am Hochfürstlichen Gymnasium in Stuttgart und plante im Stil von Christian Friedrich Sattlers Geschichte des Herzogtums Württemberg eine Naturgeschichte des Herzogtums Württemberg. Der Band zum Oberamt Herrenberg liegt als Handschrift im Stadtarchiv Herrenberg; dabei handelt es sich offenbar um dasjenige Exemplar, das Rösler selbst am 15. Juli 1774 Herzog Carl Eugen (1737/44–1793) auf Schloss Solitude überreicht hat. Rösler schreibt in Kapitel VII zur Meteorologie mit Wetterbeobachtungen für die einzelnen Orte des Oberamts, das er für Herrenberg offenbar auf Grundlage der täglichen Wetterbeobachtungen des Bürgermeisters Friedrich Albrecht Diez verfasst hat, über den Frühlingsbeginn in Herrenberg: Gemeiniglich bald im Frühlinge zur Zeit der Baumblüte wehen laue Südwinde abends und nachts, welche den so höchst verderblichen Honig- und Meelthau zurücklassen. Die Bauern heißen es böse Luft, besonders den Apfelbäumen schaden diese Thaue. Der Schnee geht hier bald ab und bleibt an dem Gebürge außer der strengsten Kälte niemals liegen. Im März verliert er sich gemeiniglich, welches auch im ganzen Göw gilt. Für die Obstbäume war der Frühlingsbeginn in Herrenberg also eher schädlich.
    Auch Vogt Gottlieb Friedrich Heß (1697–1761) bringt in Kapitel 6 Denkwürdige Begebenheiten im Land allgemein und Stadt und Amt besonders seiner Chronik, von der ein als Reinschrift noch zu Lebzeiten des Vogts begonnenes, allerdings erst nach seinem Tod als Abschrift im Jahr 1775 vollendetes Exemplar im Stadtarchiv Herrenberg liegt, einige Nachrichten über spektakuläre Wetterphänomene wie Gewitter, Hagelschlag und großen Schnee. Für die Jahre zwischen 1745 und 1749 gibt er auf Grundlage seiner eigenen Barometermessungen genaue Beobachtungen wieder, wobei sogar besonders hohe oder niedrige Temperaturen verzeichnet wurden. Dabei weckt seine Beschreibung der Witterung im Jahr 1746 Erinnerungen an den vergangenen Winter und das aktuelle Frühjahr: Den 9. und 10. Martii viel Schnee, worauf es den 11ten, 12ten, 13ten und 14ten sehr kalt worden, als es immer in diesem Wintter gewesen, weil aber der Verfasser damals in Stuttgart war, konnte er die Grade nicht abmercken. Zu Anfang des Mayen und so weiter ward es auf einmahl sehr heiß, daß alle blüthe zugleich hervor drangt, auch all ander Gewächse ungemein zunahm.  … Das ganze Jahr war überhaupt sehr warm, dahero auch ein so vortreflicher Wein gewachsen.
    Und auch für das Jahr 1748 stellte Heß fest, langsam stelte sich der Frühling ein. Im Majo war es ungemein warm. Dagegen hielt er nach einem eher lauen Februar im Jahr 1750 für März, April und Mai eine eher raue Witterung fest, die dazu führte, dass die Obstbäume großen Schaden gelitten. In der Mitten des Aprils waren die Bieren Bäume in der vollen Blüthe. Zu Anfang des Martii stunde mein des Verfassers zuständige Apricosen Bäume in voller Blüth und wurden der rauen Witterung ohngeachtet durch angelegte Strohdecken erhalten, daß es viele gegeben. Zwetschen hatt man dieses Jahr einen Überfluss.
    Bereits im 18. Jahrhundert war also auf das Wetter kein Verlass. Die Gärtner wussten sich dennoch bereits damals zu helfen und versuchten durch Abdecken selbst von ganzen Bäumen der Wetterkapriolen im Frühling Herr zu werden, die u.a. die Obsternte bedrohten.

  • März 2013

    März 2013

    Morgens um 5 in der Kayher Steige – eine Kaffeepause Herzog Carl Eugens, dokumentiert in den Bürgermeisterrechnungen

    Bei Rechnungen denkt man zunächst an staubtrockene Zahlenreihen, die über die bloßen Geldbeträge hinaus nur wenig Aussagekraft besitzen. Allerdings kann diese Quellengattung mehr Informationen über die Geschichte und die Lebenswirklichkeit in der Stadt Herrenberg in den vergangenen Jahrhunderten liefern, als man denkt, und sie fördert auch so manche Anekdote zu Tage.
    So finden sich in der Bürgermeisterrechnung von 1767/68 sehr detaillierte Angaben über die Kosten, welche die Stadt anlässlich eines Jagdaufenthalts Herzog Carl Eugens von Württemberg (1737–1793) im November 1767 zu tragen hatte. Angekündigt durch das herzogliche Forstamt in Waldenbuch gedachte der Herzog am 10. November 1767 um 5 Uhr morgens während einer Hetzjagd mit seiner Jagdsuite auf der Kayher Steige eine Kaffeepause einzulegen, die von der Stadt ausgerichtet und finanziert werden sollte.
    Dafür lieferte der Herrenberger Konditor Jakob Melchior Riß, der offenbar auch für den Service und die Bedienung des Herzogs zuständig war, 3 Pfund feinen Kaffee, 5 Pfund feinen Zucker, 6 Pfund Konfekt, 3 Maß süßen Rahm, 1/2 Maß feinen Kirschengrieß und 2 Platten mit Borsdorfer Äpfeln, einer der ältesten dokumentierten Apfelsorten Deutschlands, die aus Sachsen stammt und zum ersten Mal im Zusammenhang mit den Zisterziensern bereits zu Beginn des 12. Jahrhunderts erwähnt wird. Dazu kam noch Gebäck von Jung Johannes Riß, wobei es sich hier dem Anlass entsprechend um eher bodenständige Produkte und nicht etwa um feines Zuckergebäck handelte, nämlich vier große Butterkuchen, vier Speckkuchen und drei Dutzend der hierzulande unvermeidlichen Butterbrezeln, die offensichtlich schon im 18. Jahrhundert gerne bei offiziellen Anlässen gereicht wurden.

    Älteste Bürgermeisterrechnung
    Der Schneider Gauger und Konditor Riß hatten in der Nacht vom 9. auf den 10. November alles abzugehen und herzurichten, auch die irdenen Häfen und Kacheln zu besorgen, um darin Kaffee und Milchrahm zu erhitzen. Außerdem wurden neue Pantoffelstopper besorgt – ein Ausdruck aus der Winzersprache –, also Holzstopfen, um die Kannen mit Wasser und Milch überhaupt unfallfrei zum Bestimmungsort in der Kayher Steige transportieren zu können.
    Von der Gemahlin des damaligen Oberamtmanns Friedrich Ludwig Härlin lieh man sich Servietten und weiße Tischwäsche, die nachher auf Kosten der Stadt allerdings auch wieder gewaschen werden musste.
    Insgesamt kostete das Kaffeetrinken des Herzogs die Stadt ansehnliche 19 Gulden 55 Kreuzer. Eine ähnliche Veranstaltung fand anlässlich eines herzoglichen Lustjagens am 14. Dezember 1767 auch im Kuppinger Wald statt, wo Konditor Riß – passend zur Vorweihnachtszeit – zusätzlich zu Brezeln, Butterkuchen und Milchschaum auch noch 24 Basler Lebkuchen bereitstellte.
    Aus den Rechnungen erfährt man auch, wann Herzog Carl Eugen mit seinem Hof in der Nähe von Herrenberg weilte. So mussten z.B. 1767, anlässlich des herzoglichen Aufenthalts mit Hofstaat und Soldateska in Tübingen, Stadt und Oberamt Herrenberg 20 gute und vollständige Betten samt Bezug nach Tübingen liefern, die dort vom 13. Oktober bis zum 15. Dezember genutzt wurden. Für jedes Bett fielen wöchentlich 30 Kreuzer Miete, damals Tax genannt, für die Bettbesitzer an, so dass die Stadt Herrenberg, die selbst lediglich drei Betten zu stellen hatte, insgesamt 13 Gulden 30 Kreuzer Miete für die Betten während des herzoglichen Aufenthalts aufbringen musste.

    Bürgermeisterrechnungen im Magazin
    Der Bestand der Bürgermeisterrechnungen im Stadtarchiv Herrenberg ist sehr geschlossen und reicht vom Jahr 1469 bis ins 19. Jahrhundert. Neben den Rechnungen an sich sind ab dem 17. Jahrhundert auch die sogenannten Beilagen, d.h. die Rechnungsbelege, in immer größerer Zahl erhalten. Verantwortlich für die Rechnungsführung, die zunächst für ein Rechnungsjahr von Martini bis Martini (11. November) und ab 1600 von Georgi bis Georgi (23. April) reichte, waren die Bürgermeister.
    Die Rechnungen waren wie üblich in Einnahmen und Ausgaben gegliedert, beide Kategorien differenzierten sich aber im Laufe der Zeit immer mehr aus und wurden dann im 17. und 18. Jahrhundert noch weiter untergliedert, einerseits in Einnahmen z.B. aus Hellerzinsen, Markt- und Standgeldern oder dem Bürgergeld, d.h. einer Gebühr für die Aufnahme in die Bürgerschaft der Stadt Herrenberg, und andererseits in Ausgaben z.B. für den Erhalt der Straßen, Wege und Staffeln, für Besoldungen oder für Kriegskosten, aber auch ganz banal für Papier, Löschsand und Tinte, die der Stadtschreiber benötigte, oder für sechs Kalender, die der Buchbinder Christian Jacob Luz an Rathaus, Oberamtei und Bürgermeister lieferte. Kurios sind auch die 1764/65 und in späteren Jahren immer wieder erscheinenden Ausgaben zur Bezahlung Hans Adam Wörners aus Rohrau, der die Schermäuse, d.h. die Maulwürfe, in Herrenberg im Auftrag der Stadt ausrotten sollte.
    So erlaubt der Bestand der Bürgermeisterrechnungen einen tiefergehenden Einblick in das alltägliche Leben in der Stadt Herrenberg vom 15. bis 19. Jahrhundert.