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14.11.2017
Straßenbäume sind Hochleistungskünstler

Technische Dienste pflanzen 18 neue Stadtbäume

Hier warten Winterlinde und Feldahorn auf dem Hof der Technischen Dienste auf ihren Hochleistungseinsatz als Straßenbaum.

Die Stadtbäume verbessern sichtbar, spürbar und nachhaltig unsere Lebensqualität. Eine baumlose Stadt? Unvorstellbar. Allerdings haben insbesondere die Straßenbäume alles andere als einen leichten Stand. Stadtbäume im Allgemeinen und Straßenbäume im Besonderen erfordern ganzjährig viel Aufmerksamkeit und sachkundige Pflege durch den Baum-experten. Manchmal müssen Bäume auch weichen. Im Normalfall werden sie dann ausgetauscht gegen starke, gesunde Setzlinge.

Zehn bis zwanzig abgestorbene oder verkehrsunsicher gewordene Stadtbäume fallen in Herrenberg jedes Jahr der Axt und dem Bagger anheim. In diesem November werden achtzehn zumeist abgestorbene Bäume ausgetauscht. Bei circa 7.000 Stadtbäumen auf der Herrenberger Gemarkung hält sich die Austauschquote in Grenzen, sie liegt wie immer bei etwa 0,002 Prozent. Heuer werden am Zentralen Omnibusbahnhof neue Kastanienbäume fällig, Winterlinden-Setzlinge wandern in die Gültsteiner Straße, Speierlinge an die Alte Steige, Schwedische Mehlbeeren ersetzen alte Artgenossen in der Hauffstraße und in
Affstätt, der neue Feldahorn geht nach Gültstein und der Hainbuchen-Setzling erhält in Kuppingen seinen endgültigen Standort.

Straßenbäume im Dauerstress
Bäume vor allem entlang größerer Straßen sind Hochleistungsbäume. Einerseits müssen sie deutlich mehr aushalten als ihre Artgenossen in anderen innenstädtischen Bereichen wie zum Beispiel an Sport- oder Spielplätzen oder gar in freier Natur. „Ein Baum an der Straße muss mit viel schlechteren Bedingungen klarkommen als ein Baum im Park“, erläutert Jürgen Baumer, Umweltbeauftragter der Stadt Herrenberg. Die Bäume kämpfen mit Auto-Abgasen, Hunde-Urin, Streusalz, mit zum Teil versiegelten Böden, zu wenig Wurzel- und Stammfreiheit und einhergehendem Wassermangel, mit aufgeheiztem Asphalt, Sommerhitze, Spätfrost, Anfahrschäden, Tiefbauarbeiten und Insektenbefall, Sturm gefährdet die Verkehrssicherheit und Temperaturschwankungen können Risse verursachen – viele Stressfaktoren, die längst nicht jeder Baum aushält! Andrerseits müssen Straßenbäume genauso viel leisten wie ihre weniger gestressten Artgenossen abseits der vielbefahrenen Straßen.

Hochleistungsbäume steigern Lebensqualität
Den Bäumen im urbanen Raum steht generell eine herausragende Rolle zu: Sie binden Kohlendioxid, sie produzieren Sauerstoff, sie filtern Stäube und Schadstoffe aus der Luft, sie mindern den Lärm, sie bieten zahlreichen Tier- und Pflanzenarten Lebensräume, sie regulieren Klimaextreme. Hierbei gilt: Je größer der Baum, desto größer die positiven Effekte. Zu den ökologischen Faktoren gesellt sich der ebenfalls sehr wichtige soziale Aspekt: Stadtbäume steigern das Wohlbefinden der Menschen, die sich in der Stadt aufhalten und hier wohnen. Mehr noch – Bäume prägen maßgeblich das Ortsbild, sie tragen zur Identifikation mit dem Umfeld bei. Die meisten Bäume tun jahrzehntelang treu ihren Dienst: „Etwa 50 bis 60 Jahre schafft ein Stadtbaum im Schnitt“, erklärt Baumer. Was ganz grob der Hälfte der Lebensdauer eines Baumes in der freien Natur entspricht.

Die Antwort der Bäume auf den Klimawandel
„Die immer wieder ungewöhnlich heißen Sommer in den letzten 20 Jahren – unvergessen der Rekordsommer in 2003 - verursachten einen enormen Vitalitätsverlust durch Wassermangel, Dürre und Strahlungshitze. Dazu kommen die niederschlagsarmen und für unsere Regionen zu warmen Winter“, hebt Baumer hervor. „Die Bäume reagieren darauf, indem sie eine schüttere Krone mit weniger Blättern ausbilden, Tot-Äste hervorbringen oder Anzeichen von Dürreschäden zu sehen sind.“ Außerdem seien die Bäume mehr starken Stürmen ausgeliefert als früher. Und dann seien da noch die Extrem-Niederschläge mit immer wieder drohendem Hochwasser: „Der Boden kann die sturzbachartigen Niederschlagsmengen nicht für die Wurzeln im Boden speichern, den Bäumen wird noch mehr vom bitter benötigten Wasser entzogen.“

Deutschlandweites Sterben der Ulmen und Eschen
Bereits heute ruft die Klimaerwärmung vermehrt invasive Insektenarten auf den Plan, die den heimischen Bäumen – besonders den Stadtbäumen – zusätzlich zusetzen. „Manche einwandernde Arten breiten sich explosionsartig aus. Das aktuellste Beispiel ist der Asiatische Laubholzbockkäfer, der letztes Jahr in Hildrizhausen gefunden wurde“, erklärt Baumer. Weitere Beispiele seien der Ulmensplintkäfer, der den Ulmen großflächig den Garaus bereite oder der Pilz „falsches, weißes Stängelbecherchen“, der den Tod der Esche bedeute.

Fokus weiterhin auf heimische Gehölze
Durchschnittlich zweimal im Jahr kommen alle städtischen Bäume unter die Lupe. Auch wenn es mit der Gesundheit der Stadtbäume nicht überall zum Besten steht und die Herausforderungen Jahr für Jahr größer werden: Bislang stehen in Herrenberg nicht mehr Bäume zum Austausch an als die Jahre zuvor. Sollte die Anzahl in den nächsten Jahren ansteigen, will die Stadt auch in Zukunft primär auf gebietsheimische Arten setzen, wie Jürgen Baumer erklärt: „Anpassungen an den Klimawandel sind unerlässlich. So stehen in einem deutschlandweiten Forschungsprojekt zwanzig vielversprechende Baumarten aus Südeuropa, Asien, Nordamerika und dem Iran auf dem Prüfstand, inwiefern sie sich als zukunftsfähige Stadtbäume eignen. Auch bei uns haben schon einige Fremdländer Einzug gehalten. Doch noch sehen wir genügend Spielraum, um auf an Extremstandorte angepasste Züchtungen aus fernen Herkunftsgebieten weitestgehend verzichten zu können.“